Es gibt Konferenzmomente, die man nicht planen kann. Dieser hier gehört definitiv dazu. Ich stehe in einem Konferenzraum eines Hotels in Tirana und spreche über Slopaganda, dass echte Bilder zunehmend für Fälschungen gehalten werden. Keine zehn Meter entfernt liegt der Amtssitz von Premierminister Edi Rama. Und genau dort, direkt vor unserer Tür, sammeln sich an diesen Tagen die Demonstrationen, die derzeit ganz Albanien bewegen. Alt und Jung, Familien, Studenten, Rentner. Ein ganzes Land scheint auf den Beinen zu sein.

Drinnen Slopaganda Theorie, draußen Wirklichkeit. Näher kommen beide selten zusammen.
Media and Academia: Eine Konferenz, zehn Länder und doch dieselben Fragen
Eingeladen hatte mich das Media Programme South East Europe der Konrad-Adenauer-Stiftung unter der Leitung von Christoph Plate. Der Titel der Konferenz: „Media and Academia: A Difficult Relationship“. Ein Programm, das Wissenschaft und journalistische Praxis bewusst aneinander reibt.
Die Teilnehmerliste las sich wie ein Atlas der Medienwelt: Die Dekanin der Graduate School of Media and Communications der Aga Khan University aus Nairobi, eine Professorin der Universität Sarajevo, die Dekanin der Caucasus School of Media aus Tiflis, ein Dozent und stellvertretender Chefredakteur aus Karachi, der Generaldirektor des öffentlich-rechtlichen Rundfunks von Bosnien und Herzegowina, Journalistinnen und Medienforscher aus Albanien, Kosovo, Nordmazedonien, Rumänien, Bulgarien, Georgien und Äthiopien. Dazu ich, als Stimme aus Deutschland.
Was mich nach den ersten Gesprächen am meisten überrascht hat: Die Herausforderungen gleichen sich erstaunlich. Ob in Nairobi, Sarajevo, Tiflis, Karachi oder Köln, überall ringen Redaktionen und Hochschulen mit denselben Fragen. Wie bildet man Journalisten für eine Branche aus, die sich schneller verändert, als Curricula geschrieben werden können? Wie bleibt Berichterstattung glaubwürdig, wenn jedes Bild fälschbar ist? Und wer erklärt eigentlich der Gesellschaft, was da gerade passiert?
Mein Vortrag: Media in the Digital Age
Mein Slot lag am Dienstagnachmittag, moderiert von Ralitsa Stoycheva vom KAS-Team in Sofia. Rund dreizig Minuten Impuls, danach eine lange und intensive Fragerunde mit einem Publikum, das täglich mit Medienrealität arbeitet.
Also begann ich mit einer Frage an den Raum: Wie fühlt sich Künstliche Intelligenz für Sie an? Jeder beantwortet diese Frage nur für sich selbst. Und dann zeigte ich, wie sie sich für die meisten von uns anfühlt. Wie eine rasante Achterbahnfahrt, bei der man in der nächsten Kurve nicht aussteigen kann.
Denn das Tempo ist real. 2023 formte KI erstmals brauchbare 3D-Objekte aus einfachen Illustrationen. Ein 3D-Artist, der vorher vier Objekte am Tag baute, sollte plötzlich 120 liefern. Zwei Wochen später erschien ein Plugin, mit dem sich ein komplettes New York an einem einzigen Tag generieren ließ. Heute tauchen wir in Bilder ein wie bei Harry Potter und bewegen uns durch KI-generierte 3D-Welten. Das sind keine Zukunftsszenarien. Das sind Slopaganda Produktionsbedingungen und sie liegen mittlerweile in der Hand jedes Schülers.

Wenn Gutenberg das Internet in fünf Tagen erfunden hätte
Der Kern meines Vortrags war allerdings kein technischer, sondern ein kultureller. Die Menschheit hatte Jahrhunderte, um sich an neue Medientechnologien zu gewöhnen. Von den Tontafeln der Sumerer über die Skriptorien des Mittelalters bis zum Buchdruck vergingen Generationen, in denen Gesellschaften lernen konnten, mit neuen Informationsformen umzugehen.
Heute fehlt uns diese Zeit. Oder, wie ich es in Tirana formuliert habe: Wenn Gutenberg das Internet in fünf Tagen erfunden hätte, dann könnten wir heute noch nicht lesen, müssten uns aber schon um Cookies kümmern.
Genau das ist unsere Lage. Die Technologie wartet nicht, bis wir bereit sind. Das hat sie noch nie getan. Aber der Abstand zwischen dem, was technisch möglich ist und dem, was Menschen und Institutionen verarbeiten können, war noch nie so groß. Während Forschungslabore an Weltmodellen arbeiten, schreibt die Sprechstundenhilfe beim Zahnarzt den nächsten Termin mit Bleistift auf, weil schlicht die Zeit fehlt, die neue Software zu lernen. Beides ist dieselbe Gegenwart.
Slopaganda: Die unterschätzte Manipulation
Und damit zum eigentlichen Problem. Die öffentliche Debatte dreht sich noch immer um die Frage, ob wir KI-Fälschungen erkennen können. Deepfakes, manipulierte Politikerfotos, gefälschte Stimmen. Das ist wichtig, aber es ist nur die Oberfläche.
Die größere Wirkmacht entfaltet etwas, das man als Slopaganda bezeichnen kann. Massenhaft produzierter KI-Content, der propagandistisch wirkt, selbst wenn er offen als KI-generiert erkennbar ist oder sogar so gekennzeichnet wird. Das Perfide daran ist, dass Slopaganda auch durch ihre Kritiker funktioniert.
Ein Beispiel aus der deutschen Berichterstattung habe ich in Tirana gezeigt. Ein journalistisches Format zitiert KI-generierte Bilder zu Demonstrationen, um sie einzuordnen und als Extrembeispiele zu erklären. Klingt nach Aufklärung. Tatsächlich aber transportiert genau diese Einordnung die Narrative weiter. Das Bild bleibt im Kopf, doch die Einordnung nicht. Ein KI-Problem ganz ohne Technik, entstanden mitten im Qualitätsjournalismus.
Die Konsequenz ist eine doppelte Erosion, denn KI-Inhalte wirken trotz Kennzeichnung und echte Aufnahmen geraten unter Generalverdacht. Wenn authentische Bilder von realen Ereignissen reflexhaft für Fakes gehalten werden, verliert Journalismus sein wichtigstes Kapital. Nicht weil KI lügt, sondern weil Wahrheit unglaubwürdig wird.
Was Südosteuropa uns voraus hat
In der anschließenden Diskussion passierte dann etwas, das ich so deutlich nicht erwartet hatte. Die Kolleginnen und Kollegen aus Südosteuropa, dem Kaukasus und Ostafrika lasen die gezeigten Manipulationsmuster schneller, als ich das von Publikum in Deutschland kenne. Wer Propaganda aus eigener gesellschaftlicher Erfahrung kennt, erkennt ihre Mechanik schneller.
In Deutschland neigen wir dazu, solche Phänomene als technisches Problem zu behandeln, das sich mit Kennzeichnungspflichten und Detektoren lösen lässt. Die Gespräche in Tirana haben mich in einer anderen Vermutung bestärkt. Mediale Resilienz ist möglicherweise weniger eine Frage der Technologie als eine Frage der Erfahrung. Gesellschaften, die Manipulation durchlebt haben, besitzen ein Sensorium, das wir gerade erst entwickeln müssen.
Das ist keine bequeme Erkenntnis, aber vielleicht die wichtigste, die ich aus Albanien mitgenommen habe.
Was bleibt in Zeiten von Slopaganda
Am Abend nach meinem Vortrag saßen wir beim Essen zusammen, während ein paar Straßen weiter die Demonstration lief. Es wurde diskutiert, widersprochen, gelacht. Genau dafür sind solche Konferenzen da. Nicht nur für Vorträge, die verhallen, sondern für Verbindungen, die bleiben.

Mein Dank gilt Christoph Plate und seinem Team vom KAS Media Programme South East Europe für die Einladung und die tolle Zusammenstellung dieser Runde.
Bleibt nur die Frage, die ich aus Tirana mitnehme, ob mediale Resilienz eine Frage der Technologie oder der Erfahrung ist?
Mehr über Vorträge zur Einordnung von KI in den Medien hier.



