„Die Medienpreise“ gibt es nicht, so wie es auch nicht „die Medien“ gibt. Das klingt zunächst wie eine Spitzfindigkeit, ist aber der Kern einer Debatte, die gerade an Schärfe gewinnt. Wer über Auszeichnungen im Journalismus diskutiert, redet schnell über ein Phantom, wenn er die Unterschiede zwischen den Preisen, ihren Statuten und ihren Jurys nicht mitdenkt.
Beim Grimme-Diskursraum im NRW-Forum Düsseldorf habe ich darüber im Panel „Medienpreise unter Druck? Zwischen Qualitätsmaßstab und politischem Symbol“ mitdiskutiert, gemeinsam mit Schiwa Schlei, Diemut Roether, Friedrich Küppersbusch und René Martens, moderiert von Torsten Zarges. Die Veranstaltung trug den Titel „Journalismus zwischen Objektivität, Aktivismus und Auszeichnung“ und schon dieser Titel zeigt, wie eng die Fragen heute beieinanderliegen. Wer einen Medienpreis vergibt, trifft eine Aussage darüber, was gute Arbeit ist. Und sobald das Verständnis von guter Arbeit gesellschaftlich umstritten wird, gerät auch die Auszeichnung selbst unter Beobachtung.

Ein Preis ist immer so gut wie seine Statuten
Ob ein Medienpreis als Qualitätsmaßstab taugt oder zum politischen Symbol verkommt, entscheidet sich nicht am Begriff „Medienpreis“, sondern an den konkreten Spielregeln. Es kommt auf die Statuten an, auf die Zusammensetzung der Jurys, auf Fokus und Stoßrichtung des einzelnen Medienpreises. Zwei Auszeichnungen können denselben Namensbestandteil tragen und trotzdem für völlig Unterschiedliches stehen.
Nach meiner Erfahrung beim Grimme-Preis und beim Grimme Online Award ist eine Sache dabei unverzichtbar, nämlich die ständige Weiterentwicklung. Ein Medienpreis, der sich nicht verändert, verliert den Kontakt zu dem, was er eigentlich auszeichnen soll. Beim Grimme Online Award lässt sich das gut nachzeichnen. Das Internet war zu Beginn ein reines Textmedium. Dann wurde es zum Bewegtbildmedium und dem musste die Bewertung Rechnung tragen. Von Virtual Reality bis zum Podcast mussten sich Nominierungskommissionen und Jurys immer wieder neu fragen, was zur jeweiligen Zeit überhaupt relevant ist und nach welchen Kriterien man eine Form beurteilt, die es im Jahr zuvor in dieser Ausprägung noch gar nicht gab. Das Grimme-Institut hat dafür über die Jahre verlässlich Raum und Diskussionsfläche geschaffen.
Wie eine Entscheidung wirklich entsteht
Genau dieser Rahmen ist der Punkt, an dem sich Qualitätsmaßstab und politisches Symbol trennen. Der Rahmen war, wie die Gremienentscheidungen selbst, stets neutral gestellt. Das Institut leistet sich hier einen Aufwand, den man in dieser Form selten findet und schafft damit einen geschützten Raum, in dem die bestmögliche Entscheidung entstehen kann.
Der Ablauf ist zweistufig. Zuerst sucht die Nominierungskommission aus der Fülle der Einreichungen und Vorschläge die besten Angebote heraus. Danach bewertet die Jury diese Auswahl frisch und ohne Vorfestlegung. Diese Trennung sorgt für eine erstaunlich objektive Entscheidung, weil sie verhindert, dass eine einzelne Vorliebe das Ergebnis von Anfang an prägt.
Seit ich 2007 das erste Mal in der Nominierungskommission des Grimme Online Award saß, gab es in all meinen Jurytätigkeiten nicht eine einzige Einflussnahme durch das Grimme-Institut. Manche Entscheidungen waren teilweise absehbar kontrovers und die Jury wie das Institut standen mit Haltung dazu. Das ist mir wichtig, weil der Vorwurf der Steuerung schnell im Raum steht, sobald eine Auszeichnung politisch gelesen wird. In meiner Erfahrung hält dieser Vorwurf der Realität der Gremienarbeit nicht stand.

Der Gewinn eines Medienpreises liegt im Streit der Perspektiven
Was in solchen Jurys passiert, lässt sich von außen kaum erahnen. Durch die vielen Perspektiven der anderen Mitglieder verändert sich die eigene Sicht im Verlauf der Diskussionen. Eine Entscheidung, die ich zu Beginn für eindeutig hielt, wird durch die Detailbeobachtungen der anderen Gremienmitglieder oft zu einer ganz anderen. Das ist kein Mangel an Standfestigkeit, sondern der eigentliche Wert des Verfahrens. Für die eigene Expertise ist dieser Austausch ein Gewinn, den ich nach all den Jahren nicht missen möchte.
Warum es solche Medienpreise überhaupt gibt
Sehr oft fiel nach einer Nominierung oder Auszeichnung ein Lichtkegel auf ein Angebot und aus dieser Aufmerksamkeit entstanden neue Projekte, Bücher oder Filme. Darin liegt für mich der eigentliche Sinn solcher Preise. Expertinnen und Experten klopfen Innovationen ab und finden Blaupausen für eine Zukunft, von der wir als Gesellschaft mehr brauchen.
Das Handwerk muss dabei dem Stand von 2026 genügen, das ist die Voraussetzung. Jenseits formaler Perfektion zählen aber eben auch Kreativität und Leidenschaft und die lassen sich nicht in einer Checkliste abbilden. Gerade beim Grimme Online Award sieht man immer wieder, wie kleine Einzelkämpferprojekte ohne große Redaktion und ohne nennenswertes Budget einen enormen Mehrwert schaffen. Sie setzen Maßstäbe, an denen sich dann auch die großen Häuser orientieren. Ein Preis, der solche Arbeiten sichtbar macht, ist mehr als eine Trophäe. Er ist ein Hinweis darauf, wohin sich ein Medium entwickeln kann.
Ob Medienpreise unter Druck stehen, lässt sich darum nicht pauschal beantworten. Unter Druck steht jeder Preis, der sich nicht weiterentwickelt, der seine Verfahren nicht schützt oder der seine Statuten aus den Augen verliert. Wo diese Substanz stimmt, hält eine Auszeichnung auch den Vorwurf aus, ein politisches Symbol zu sein. Die Diskussion in Düsseldorf hat mir vor allem eines gezeigt, nämlich dass es sich lohnt, genau hinzusehen, bevor man über „die Medienpreise“ urteilt.
Die Aufzeichnung der Veranstaltung erscheint in Kürze auf dem YouTube-Kanal des Grimme-Instituts.
Hier der Link zu der Veranstaltung und hier zu allen Speakerinnen und Speakern.
Hier die Fotos der Veranstaltung.
Zu Vorträge und Workshops im Bezug auf Medien geht es hier mehr.



