Panel zu KI im öffentlich-rechtlichen Rundfunk beim ARD/ZDF/Deutschlandradio/DW Freienkongress in Bonn mit Prof. Michael Schwertel, Jan Eggers und Moderatorin Stefan Tiyavorabun

KI im öffentlich-rechtlichen Rundfunk: Warum die wichtigste Frage nicht das „Ob“ ist

KI im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist die wahrscheinlich kontroverseste Diskussion, die ich derzeit in Redaktionen erlebe. Wie kontrovers, zeigte sich beim ARD/ZDF/Deutschlandradio/DW Freienkongress in Bonn besonders deutlich.

„KI aus dem öffentlich-rechtlichen Journalismus heraushalten.“ Der Freienrat.

Deutsche Welle Mikro

Diese Forderung kam beim ARD/ZDF/Deutschlandradio/DW Freienkongress in Bonn aus dem Publikum. Klar, deutlich, mit Applaus. Sie hat mich nicht überrascht.

Auf dem Panel mit Jan Eggers, moderiert von Stefan Tiyavorabun, diskutierten wir die Frage, die in fast jedem Workshop auftaucht, den ich aktuell mit Redaktionen mache: Ist KI ein Jobkiller oder ein Powertool? Die Antworten im Saal hätten kaum weiter auseinanderliegen können und genau diese Spannung erzählt mehr über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks als jede Strategiekonferenz der letzten Jahre.

Freienkongress_DW_Podium

Zwei Lager, eine Unsicherheit bezüglich KI im öffentlich-rechtlichen Rundfunk

Auf der einen Seite stand die klare Forderung: KI raus aus dem ÖR-Journalismus. Als bewusstes Qualitätssiegel. Als Schutzraum für echte journalistische Arbeit. Diese Position hat eine ernstzunehmende Logik. Wenn alle anderen Anbieter wie kommerzielle Plattformen, Influencer, automatisierte News-Aggregatoren, auf KI-generierte Massenware setzen, dann könnte handgemachter Journalismus tatsächlich zum Differenzierungsmerkmal werden. Made by humans als Marke. 

Auf der anderen Seite die pragmatische Perspektive: KI als Werkzeug. Für bessere Recherche. Für effizientere Prozesse. Für das Abschaffen lästiger, repetitiver Tätigkeiten, die heute Stunden fressen, die eigentlich der eigentlichen journalistischen Arbeit gehören sollten. Transkriptionen, Erstrecherchen, Übersetzungen, Faktenchecks in Echtzeit, multimediale Aufbereitung. Diese Position ist nicht naiv technikgläubig, sondern sieht KI als das, was sie tatsächlich leisten kann: Entlastung von Routine, damit mehr Zeit für das bleibt, was Maschinen nicht können.

Und dazwischen (und das war das eigentliche Thema des Tages) spürte man vor allem eines: Unsicherheit.

Warum die Stimmung kippt

Ich erlebe diese Unsicherheit sehr konkret. In meinen Workshops mit Redaktionen, mit Freien, mit Studierenden an Journalistenschulen. Besonders deutlich wird sie bei Volontärinnen und Volontären. Also genau bei denen, die jetzt am Anfang ihrer journalistischen Karriere stehen und für die diese Frage existenziell ist.

Der Verlauf ist fast immer derselbe. Die ersten 30 Minuten eines Workshops verlaufen in einer Atmosphäre vorsichtiger Neugier. Es werden Tools gezeigt, Prompts ausprobiert, erste Ergebnisse bestaunt. Die Stimmung ist offen, fast spielerisch.

Dann kommt der Moment, in dem die Tragweite klar wird. Wenn die Teilnehmenden verstehen, wie schnell und wie tiefgreifend KI nicht nur einzelne Aufgaben, sondern ganze Berufsbilder verändert. Wenn ihnen aufgeht, dass es nicht um ein neues Werkzeug im Werkzeugkasten geht, sondern um eine grundlegende Verschiebung dessen, wer in fünf Jahren überhaupt noch journalistisch arbeitet und in welcher Rolle.

In diesem Moment kippt die Stimmung. Von Neugier zu Frustration. Manchmal zu Wut. Häufig zu einer Form von resignierter Ratlosigkeit. Weil plötzlich die Frage im Raum steht, die niemand stellen wollte: Welche Rolle habe ich hier eigentlich noch?

Der entscheidende Übergang

Und genau an dieser Stelle passiert etwas, das ich für den eigentlich wichtigen Befund halte. Wenn dieses Verständnis bei der Angst stehen bleibt, entsteht Lähmung. Verteidigungshaltungen. Die Forderung, KI auszuschließen, ist häufig genau das. Ein Versuch, einen Zustand zu konservieren, der so nicht mehr existiert.

Wenn das Verständnis aber in Anwendung übergeht, passiert etwas komplett anderes. Plötzlich werden Freiräume sichtbar. Ideen, die vorher an Budget oder Personal gescheitert sind, werden umsetzbar. Eigene Projekte, die jahrelang in der Schublade lagen, werden realistisch. Recherchen, für die früher zwei Wochen nötig waren, lassen sich in zwei Tagen vorbereiten und die freigewordene Zeit fließt in das, was tatsächlich journalistischen Wert schafft: in Gespräche, in Vor-Ort-Recherche, in tiefere Einordnung.

Das ist der Moment, in dem aus einer Bedrohung ein Werkzeug wird. Nicht durch technische Schulung allein, sondern durch eine Verschiebung der inneren Haltung.

Was der öffentlich-rechtliche Rundfunk jetzt entscheidet

Der ÖR steht damit vor einer Entscheidung, die weit über Tool-Fragen hinausgeht. Die Frage ist nicht, welche KI-Tools eingesetzt werden, sondern wie die Institution mit der Tatsache umgeht, dass sich der Beruf gerade radikal verändert. Drei Dimensionen halte ich dabei für entscheidend.

Erstens: Die Qualitätsfrage neu denken. Die Position „Keine KI als Qualitätssiegel“ ist nicht falsch. Sie ist nur unvollständig. Wenn der ÖR seine Qualität ausschließlich darüber definiert, KI nicht zu nutzen, definiert er sich rein in Abgrenzung. Das ist eine schwache Position. Stärker ist die Frage: Welche Qualität entsteht, wenn KI gezielt dort eingesetzt wird, wo sie Routine ablöst und wenn die freigewordene Zeit in Recherche, Quellenarbeit und Einordnung fließt? Das wäre ein Qualitätssiegel, das auf Mehrwert basiert, nicht auf Verzicht.

Zweitens: Die Rollen klären. Volontärinnen und Volontäre brauchen heute nicht nur eine Ausbildung in journalistischen Grundtechniken. Sie brauchen eine Vorstellung davon, welche Rolle sie in einer Redaktion einnehmen, in der KI Standardaufgaben übernimmt. Diese Frage zu ignorieren oder auf „kommt schon noch“ zu vertagen, ist die unsicherste aller Strategien. Vor allem, weil die Innovationen immer schneller kommen.

Drittens: Die kulturelle Dimension ernst nehmen. Der ÖR ist eine Institution mit Auftrag und dieser Auftrag verändert sich nicht dadurch, dass sich Werkzeuge ändern. Aber die Art, wie der Auftrag erfüllt wird, schon. Die kulturelle Frage lautet: Behalten wir die Hoheit über Themenauswahl, Einordnung und gesellschaftliche Relevanz oder geben wir sie an Algorithmen ab, die nach anderen Logiken funktionieren? Der ÖR muss sich nicht an dieser Logik orientieren. Aber er muss verstehen, dass er ihr ausgesetzt ist.

 

Drei Beobachtungen aus über zehn Jahren KI-Praxis

Ich arbeite seit 2015 systematisch mit künstlicher Intelligenz im Medienkontext. In dieser Zeit habe ich drei Muster beobachtet, die für die aktuelle Debatte im ÖR relevant sind:

Das erste Muster: Häuser, die KI früh und strategisch integriert haben, sind heute nicht weniger journalistisch geworden, sondern mehr. Weil die Routinearbeit reduziert wurde, blieb mehr Energie für anspruchsvolle Formate. Die Befürchtung, dass KI Journalismus banalisiert, hat sich in diesen Häusern nicht bestätigt. Vorausgesetzt, die strategische Steuerung war klar.

Das zweite Muster: Häuser, die KI ausschließlich als Effizienzthema behandelt haben (also als Mittel, Personal zu reduzieren) haben kurzfristig Kosten gespart und mittelfristig Substanz verloren. KI als reines Sparinstrument funktioniert nicht. KI als Ergänzung menschlicher Kompetenz schon.

Das dritte Muster und das ist das wichtigste: Die größte Variable ist nicht die Technik, sondern die Haltung der Menschen, die mit ihr arbeiten. Die gleiche Technologie kann eine Redaktion stärken oder schwächen, je nachdem, ob sie als Bedrohung oder als Werkzeug verstanden wird. Diese Haltung lässt sich nicht durch Strategiepapiere herstellen. Sie entsteht in der konkreten Anwendung, in begleiteter Praxis, in Räumen, in denen Ausprobieren erlaubt ist.

Was das für die Diskussion in Bonn für KI im öffentlich-rechtlichen Rundfunk bedeutet

Zurück zum Freienkongress. Die Forderung „KI raus aus dem ÖR“ ist verständlich, aber sie löst das eigentliche Problem nicht. Das eigentliche Problem ist nicht KI. Das eigentliche Problem ist die Frage, wie der öffentlich-rechtliche Journalismus seine Relevanz in einem Medienumfeld behauptet, das sich gerade fundamental verändert.

KI ersetzt nicht den Journalismus. Aber sie verändert radikal, wer ihn wie macht. Wer diese Veränderung als Bedrohung versteht, wird sie als Bedrohung erleben. Wer sie als Werkzeug versteht, wird Räume öffnen, die vorher nicht existierten.

Entweder sitzt du am Tisch oder du stehst auf der Speisekarte. Diese etwas zugespitzte Formulierung beschreibt ziemlich genau die Wahl, vor der der ÖR und mit ihm jede einzelne Redaktion, jede freie Journalistin, jeder Volontär … gerade steht.

Die eigentliche Frage ist deshalb nicht, ob wir KI nutzen. Sondern ob wir lernen, sie so zu nutzen, dass wir dadurch relevanter werden.

Freienkongress DW Bonn
Freienkongress Deutsche Welle 2026

Hier das Video vom Kongress: Video

Hier das Programm der Veranstaltung.


Prof. Michael Schwertel ist Keynote-Speaker, Workshop-Leiter und Berater zu KI, digitaler Transformation und der Zukunft der Medien. Seit 2015 arbeitet er systematisch mit künstlicher Intelligenz im Medienkontext. Für Vorträge und Workshops zum Thema KI im öffentlich-rechtlichen Rundfunk: Kontakt aufnehmen.

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Panel zu KI im öffentlich-rechtlichen Rundfunk beim ARD/ZDF/Deutschlandradio/DW Freienkongress in Bonn mit Prof. Michael Schwertel, Jan Eggers und Moderatorin Stefan Tiyavorabun
Keynote Speaker für Künstliche Intelligenz Prof Michael Schwertel bei Vortrag auf IHK Köln Bühne
Prof. Michael Schwertel im Interview mit RTL Punkt12 über virale KI-Früchte auf TikTok
Prof. Michael Schwertel beim KI-Workshop Future Media in der RTL-Journalistenschule, Grimme Akademie
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