Ein Fliegenhirn spielt Doom. Interessant wird es, wenn es einen Körper bekommt.

Anfang September hat der Entwickler Alex Wormuth vorgeführt, wie ein digitales Fliegenhirn durch Doom navigiert, gesteuert über Bildreize aus der Spielumgebung. Kurz darauf hingen die Daten an einem Rubik’s Cube, an Kursverläufen, an einem Social-Media-Feed. Das klingt nach Internet-Gag, beschäftigt mich aber bereits seit einiger Zeit. Was passiert, wenn der Schaltplan eines biologischen Nervensystems zum Download bereitliegt und Leute anfangen, ihn als Controller zu benutzen? Ray Kurzweil hat vor Jahrzehnten bereits darüber gesprochen und gibt sich alle Mühe diesen Innovationssprung noch mit seinem Körper zu erreichen.

Die Grundlage dafür ist ein Datensatz, an dem HHMI Janelia und Google Research rund zehn Jahre gearbeitet haben. Er bildet das zentrale Nervensystem einer männlichen Fruchtfliege ab, mit 166.691 Nervenzellen und etwa 125 Millionen synaptischen Verbindungen und er ist frei zugänglich. 2024 hatte FlyWire bereits das Fliegengehirn eines weiblichen Tieres kartiert, allerdings endete diese Karte am Hals. Im Juni 2026 kam dann eine zweite große Arbeit hinzu, die Fliegengehirn und Nervenstrang zusammen erfasst. Der Schaltplan reicht seitdem erstmals bis in die Hälfte des Nervensystems hinein, die für Bewegung zuständig ist.

Ein Schaltplan ist noch kein Gehirn

Bei all diesen Experimenten entsteht schnell der Eindruck, jemand habe ein Fliegenhirn auf einen Rechner kopiert und lasse es nun Aufgaben erledigen, aber so funktioniert es nicht.

Ein Konnektom zeigt, welche Nervenzellen existieren und wie sie verbunden sind. Damit daraus ein Controller wird, muss ein Entwickler zwei Entscheidungen treffen, die in den Daten nicht stehen. Wie werden Informationen aus der digitalen Umgebung auf sensorische Neurone gelegt, und wie wird die Aktivität bestimmter Zellen anschließend in Aktionen übersetzt. Beides ist Handarbeit und beides prägt das Ergebnis erheblich. Das Fliegenhirn versteht Doom also nicht, es reagiert auf Reize, die ihm jemand so zurechtgelegt hat, dass etwas Spielbares dabei herauskommt.

Bemerkenswert bleibt es trotzdem, denn zum ersten Mal können sehr viele Menschen mit der Struktur eines realen Nervensystems herumprobieren, statt nur darüber zu lesen.

Collage aus vier Szenen einer 3D-Simulation, in der eine Fruchtfliege Schach spielt, Doom spielt, einen Zauberwürfel löst und Tiktok nutzt
Collage aus vier Szenen einer 3D-Simulation, in der eine Fruchtfliege Schach spielt, Doom spielt, einen Zauberwürfel löst und Tiktok nutzt.

Fruchtfliege gegen KI

Um den Gedanken sichtbar zu machen, habe ich eine kleine Simulation programmiert. Darin sitzt eine Fruchtfliege auf dem Kopf eines humanoiden Roboters und steuert ihn. Gegenüber steht ein zweiter Roboter, der von einer trainierten Policy gesteuert wird.

Ich habe dafür nicht das Konnektom geladen, sondern einen einzelnen Schaltkreis daraus nachgebaut, den Lenkkreis im Zentralkomplex. Der ist in den Kartierungsdaten gut beschrieben. Eine Gruppe von Neuronen hält als Ringattraktor die Kopfrichtung, eine zweite vergleicht diese Richtung mit der Position des Gegners und das Ergebnis geht auf zwei absteigende Zellen, die links und rechts drehen. Dazu kommen Neurone für Vorwärtslauf, Rückwärtslauf, Ausweichen und Aggression. Ob aus der Aggression ein Schlag oder ein Tritt wird, entscheidet allein die Entfernung zum Gegner und genau dieses Muster ist bei der Fliege beschrieben.

Es ist also ein funktionierendes Modell nach der Bauzeichnung, nicht die Maschine selbst. Für einen Kampfroboter hat die Evolution diesen Kreis ohnehin nicht vorgesehen.

Was mich beim Bauen überrascht hat: Der Kreis gewinnt etwa die Hälfte der Kämpfe. Rund hundert simulierte Neurone, kein Training, keine Belohnungsfunktion und er hält trotzdem gegen eine Policy mit. Verlieren tut er dort, wo Timing und Deckung zählen, denn dafür hat er keinen Schaltkreis. Ein Navigationssystem navigiert. Mehr war nicht vorgesehen.

Wenn KI einen Körper bekommt

Damit bin ich bei dem Thema, das mich derzeit am meisten beschäftigt. Die Fortschritte der letzten Jahre haben wir bei Systemen gesehen, die im Rechner bleiben. Sprachmodelle schreiben, Bildmodelle zeichnen, Agenten klicken sich durch Software, aber Robotik verschiebt das in die physische Welt und dort verändert sich die Aufgabe grundlegend. Ein System muss sehen, reagieren, sich bewegen und mit einer Umgebung umgehen, die sich nicht an das Trainingsmaterial hält.

Deshalb finde ich die Experimente mit der Fruchtfliege interessanter, als die Doom-Schlagzeile vermuten lässt, denn wie viel Verhalten bereits in der Struktur eines Nervensystems steckt, bevor irgendetwas gelernt wurde und was künstliche Systeme davon übernehmen könnten, könnte die Embodied AI noch schneller nach vorne bringen.

Wo ich vorsichtig wäre

Ein Konnektom ist kein digitaler Zwilling eines Fliegenhirns. Signalstärken, Neurotransmitter, zeitliche Dynamik, biochemische Prozesse und alles, was sich durch Lernen verändert, stehen nicht in der Verbindungskarte. Niemand hat hier das Bewusstsein einer Fliege auf einen Rechner gebracht und wer das behauptet, verkauft nur etwas.

Was tatsächlich passiert, finde ich fast bemerkenswerter. Wir beginnen, biologische Strukturen zu digitalisieren, ausführbar zu machen und an künstliche Umgebungen anzuschließen. Heute steuert so ein Modell eine Spielfigur. Der interessantere Moment kommt, wenn es einen Körper bekommt.

Wenn Sie die Anwendung unten entsperren und auf die Anwendung klicken, können Sie die Simulation des Fliegenhirns selbst starten und navigieren.


Prof. Michael Schwertel spricht und berät zu Künstlicher Intelligenz in Medien, Kommunikation und Organisationen. Zurzeit schreibt er für den Hanser Verlag ein Buch über Embodied AI – Wenn KI einen Körper bekommt. Themen wie dieses bringt er als Keynote oder Workshop in Redaktionen, Medienhäuser und Unternehmen. Kontakt und Vortragsthemen

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