KI im Journalismus wird häufig mit einer großen Frage verbunden: Wird Künstliche Intelligenz Journalisten ersetzen?
Bei Besser Online 2026, der Digitalkonferenz des Deutschen Journalisten-Verbands bei Radio Bremen, habe ich über genau diese Frage diskutiert.
Meine These war, dass KI Journalisten nicht ersetzen wird. Die eigentliche Herausforderung liegt darin, was passiert, wenn Menschen glauben, Journalismus gar nicht mehr zu brauchen, weil eine KI ihnen jede Frage direkt beantwortet.
Am 5. September war ich bei Besser Online 2026 bei Radio Bremen zu Gast. Die Digitalkonferenz des Deutschen Journalisten-Verbands stand in diesem Jahr unter dem Motto „Souverän. Menschlich. Vernetzt.“ und beschäftigte sich mit der Frage, wie Journalismus in einer digitalen Welt souverän und menschlich bleiben kann?
Mich führte diese Frage an diesem Tag deshalb zweimal zur Künstlichen Intelligenz. Zunächst auf dem Podium „Handwerk gegen Algorithmus. Wie viel KI verträgt der Qualitätsjournalismus?“, wo ich gemeinsam mit Benjamin Piel, Chefredakteur des Weser-Kurier, und Sebastian Haupt, Spotlight-Chef bei CORRECTIV, über den Einsatz von KI in Redaktionen diskutiert habe. Moderiert wurde die Runde von Philipp Planke aus dem Bundesvorstand des DJV. Später ging es in meinem eigenen Vortrag „Schaffen wir uns selbst ab? Wenn Fakes egal werden. Vertrauen als letzte Währung der Öffentlichkeit“ um eine grundsätzlichere Frage, was mit Journalismus und Öffentlichkeit passiert, wenn synthetische Inhalte zum Normalfall werden.

Kann KI inzwischen journalistisch schreiben?
Die Diskussion über KI und Journalismus beginnt meistens beim Text. Kann eine KI einen guten journalistischen Artikel schreiben? Die Antwort darauf ist heute deutlich unbequemer als noch vor zwei oder drei Jahren. Sprachmodelle produzieren Texte, die sprachlich professionell wirken, sie strukturieren Informationen, entwickeln Überschriften, imitieren Tonalitäten, kürzen auf Zeichenzahl und fassen große Materialmengen zusammen.
Sie kann Texte schreiben und sie wird darin immer besser werden. Interessanter ist, ob wir überhaupt noch zuverlässig erkennen, welcher Text von einem Menschen und welcher von einer Maschine stammt. Und noch interessanter ist die Frage, ob das für Leserinnen und Leser eine Rolle spielt, solange sie den Text als gut empfinden.
Auf dem Panel berichtete Sebastian Haupt von einem Experiment bei CORRECTIV, bei dem Texte von KI und von Journalistinnen und Journalisten gegen einander gestellt und dem Publikum vorgelegt wurden. Welche Texte gefielen besser und waren erkennbar generiert. Solche Experimente sind wichtig, weil sie eine verbreitete Selbstberuhigung der Branche testen. Gleichzeitig greifen sie zu kurz, wenn wir daraus ableiten wollen, ob KI Journalisten ersetzen kann. Der Arbeitsschritt des Schreibens ist nur ein Teil des Journalismus und vermutlich nicht einmal der schwierigste.

KI im Journalismus ist nicht das Produzieren von Text
KI wird Journalisten nicht ersetzen und zwar nicht deshalb, weil sie keine guten Texte schreiben könnte. Der Unterschied liegt woanders.
Eine KI verarbeitet das, was bereits vorhanden ist. Sie arbeitet mit Daten, Dokumenten, Bildern, Aussagen und Veröffentlichungen, erkennt darin Muster, stellt Verbindungen her und führt Quellen zu einem neuen Text zusammen, aber jemand muss diese Wirklichkeit zuerst beobachten.
Jemand muss bei einer Stadtratssitzung sitzen und bemerken, dass eine Aussage nicht zu den Zahlen im Haushaltsentwurf passt. Jemand muss mit Menschen sprechen, die bisher niemand gefragt hat und muss Dokumente anfordern, Zusammenhänge recherchieren, Widersprüche aushalten und entscheiden, dass ein Thema überhaupt relevant ist. Jemand muss dort sein, wenn etwas Neues entsteht.

Das ist für mich ein zentraler Punkt in der Diskussion um generative KI. Der Zeitgeist steckt nicht in den „alten“ Trainingsdaten. Sie dokumentieren in weiten Teilen nur das, was bereits geschehen, geschrieben, fotografiert, veröffentlicht und digitalisiert worden ist. Journalismus dagegen beschäftigt sich mit dem, was gerade jetzt geschieht. Die Informationen und Trends, mit denen zukünftige KI-Systeme arbeiten werden, müssen zuerst von Menschen produziert werden.

Wer produziert eigentlich das Wissen, das KI im Journalismus zusammenfasst?
Daraus entsteht ein Paradox, das mich sehr beschäftigt. Je leistungsfähiger KI-Systeme werden, desto müheloser können sie journalistische Inhalte verdichten und zugänglich machen. Gleichzeitig bleiben sie darauf angewiesen, dass Journalisten diese Inhalte überhaupt recherchiert.
Nehmen wir ein lokales Beispiel. Eine KI kann in wenigen Sekunden erklären, warum in einer Stadt ein Krankenhaus geschlossen werden soll. Aber woher stammen diese Informationen? Vermutlich aus einem Artikel der Lokalzeitung, aus einer Recherche des zuständigen öffentlich-rechtlichen Senders, aus Ratsunterlagen, aus Gesprächen mit Beschäftigten oder aus einer investigativen Arbeit, die Monate gedauert hat und alle Informationen zusammenwürfelt wie es durchschnittlich berechnet wurde.
Die KI kann all das zusammenführen, aber sie war nicht bei der Betriebsversammlung, sie hat nicht mit der Pflegekraft gesprochen, sie hat nicht beim zuständigen Ministerium nachgehakt und sie hat nicht entschieden, einer Spur drei Wochen lang nachzugehen, obwohl zu Beginn nicht absehbar war, ob daraus überhaupt eine Geschichte wird. Darin liegt eine Leistung von Journalismus, die in der aktuellen KI-Debatte regelmäßig unterschätzt wird, weil sie im fertigen Text unsichtbar ist. Außerdem bildet sich beim Menschen über 3 Wochen ein Gesammtbild der Lage.
Die größere Gefahr liegt beim Zugang
Trotzdem wäre es falsch, daraus abzuleiten, der Journalismus sei vor den Auswirkungen der KI geschützt. Ich glaube nur, dass wir die Gefahr an der falschen Stelle suchen.
Die größte Herausforderung für Medienhäuser besteht möglicherweise nicht darin, dass eine KI ihre Journalistinnen und Journalisten ersetzt. Sie liegt darin, dass KI den Zugang zum Journalismus ersetzt. Das verschiebt die Perspektive auf das Problem erheblich.
Bisher funktioniert digitaler Journalismus vereinfacht so, dass ich eine Frage habe oder mich für ein Thema interessiere, danach suche, auf einen journalistischen Beitrag stoße und ihn lese. Mit generativer KI verändert sich dieser Weg. Ich frage direkt, was die neue Rentenreform für mich bedeutet, warum die Regierung in diesem Punkt zerstritten ist, was heute in Europa passiert ist oder was die neue KI-Verordnung konkret vorschreibt. Und ich bekomme eine individuell formulierte Antwort, ohne eine Zeitung zu öffnen, ohne eine Nachrichtensendung einzuschalten und in vielen Fällen ohne auf einen Link zu klicken.
Das halte ich langfristig für die größte strukturelle Herausforderung für den Journalismus und sie trifft das Geschäftsmodell an einer Stelle, die sich nicht durch bessere Texte verteidigen lässt.

Die KI wird zur Benutzeroberfläche unserer Wirklichkeit
Wenn diese Entwicklung so weitergeht, schieben sich KI-Systeme als neue Ebene zwischen Journalismus und Publikum. Die Redaktion recherchiert, Journalistinnen und Journalisten sprechen mit Quellen, Korrespondenten berichten vor Ort, Investigativteams arbeiten monatelang an einer Geschichte und das Medienhaus finanziert diesen gesamten Apparat. Am Ende stellt der Nutzer seine Frage aber einer KI und bekommt dort die Essenz dieser Arbeit präsentiert.
Damit verschiebt sich auch Macht. Wer die Antwort formuliert, entscheidet auch darüber, welche Quellen sichtbar werden, welche Aspekte hervorgehoben werden und welche Perspektiven verschwinden. Das ist keine rein wirtschaftliche Frage für Medienunternehmen, vielmehr eine gesellschaftliche.
Eine plausible Antwort ist noch kein Journalismus
Wir sollten dabei einen grundsätzlichen Unterschied im Blick behalten. Eine plausible Antwort ist nicht automatisch eine journalistische Antwort.
Generative KI ist hervorragend darin, Informationen zu verdichten und genau darin liegt das Problem. Journalismus besteht nicht darin, vorhandene Aussagen möglichst elegant miteinander zu verbinden. Journalismus fragt, ob das überhaupt stimmt, wer es behauptet, welche Interessen dahinter stehen, wer widerspricht, welche Information fehlt, warum ausgerechnet jetzt darüber gesprochen wird und was wir möglicherweise noch nicht sehen.
Ein Sprachmodell kann bei solchen Fragen unterstützen. Es analysiert Dokumente, durchsucht Datenbestände, transkribiert Interviews und strukturiert große Informationsmengen und in vielen Redaktionen tut es das längst. Journalistische Verantwortung lässt sich aber nicht an ein Sprachmodell delegieren, weil ein Modell für nichts haftet.
Der Blickwinkel wird wichtiger, nicht unwichtiger
In der Diskussion bei Besser Online waren wir trotz unterschiedlicher Ausgangspunkte in einem Punkt erstaunlich nah beieinander. Der Blickwinkel von Journalistinnen und Journalisten bleibt entscheidend.
Das klingt zunächst fast altmodisch. Im Zeitalter generativer KI könnte dieser persönliche und professionelle Blick aber an Wert gewinnen. Wenn theoretisch jeder in Sekunden einen durchschnittlich guten Text zu einem Thema erzeugen kann, verliert der durchschnittlich gute Text seinen Wert. Wertvoll wird, was sich nicht beliebig reproduzieren lässt, also eigene Recherche, eigene Beobachtung, eigene Quellen, Erfahrung, Einordnung und eine erkennbare redaktionelle Haltung dazu, wie Informationen geprüft werden.
Wenn Fakes egal werden
Diese Diskussion führte direkt zu meinem zweiten Thema des Tages. In meinem Vortrag ging es darum, was passiert, wenn synthetische Medien alltäglich werden.
Bei Deepfakes diskutieren wir meistens darüber, wie perfekt eine Fälschung sein muss, damit Menschen darauf hereinfallen. Auch das ist inzwischen vermutlich die falsche Frage. Wir bewegen uns auf eine Medienwelt zu, in der die bloße Möglichkeit einer Fälschung ausreicht, um Zweifel zu erzeugen. Ein echtes Bild kann als KI-generiert bezeichnet, ein echtes Video als Deepfake abgetan, eine authentische Tonaufnahme pauschal angezweifelt werden.
Damit verändert sich die Beweislast. Nicht mehr nur die Fälschung muss glaubwürdig aussehen, sondern zunehmend muss auch das Echte beweisen, dass es echt ist. Für Journalismus ist das eine erhebliche Belastung, weil sich der Aufwand vom Berichten zum Belegen verschiebt.

Vertrauen könnte zur wichtigsten Währung im Journalismus werden
Deshalb glaube ich, dass Vertrauen im KI-Zeitalter an Bedeutung gewinnt. Wenn die Menge synthetischer Inhalte weiter zunimmt, lautet die entscheidende Frage irgendwann nicht mehr, ob ich erkennen kann, dass dieser Inhalt mit KI erstellt wurde. Sie lautet, wem ich vertraue, dass dieser Inhalt geprüft wurde.
Das wäre eine bemerkenswerte Verschiebung. Ausgerechnet eine Technologie, die journalistische Inhalte scheinbar beliebig reproduzierbar macht, könnte den Wert glaubwürdiger journalistischer Marken wieder erhöhen. Vorausgesetzt, diese Marken schaffen es, ihr Vertrauen zu bewahren.
Dafür reicht es nicht, ein Logo über einen Text zu setzen. Medien müssen nachvollziehbar machen, wie sie arbeiten, woher ihre Informationen stammen und wo sie KI einsetzen. Sie müssen Fehler sichtbar korrigieren und erklären, an welchen Stellen Menschen entschieden haben. Vertrauen entsteht durch nachvollziehbares Handeln.
KI ist nicht der Gegner des Journalismus
Ich halte wenig davon, die Diskussion auf Mensch gegen Maschine zu verkürzen. KI kann für Journalistinnen und Journalisten ein ausgesprochen leistungsfähiges Werkzeug sein, bei Recherchen, bei der Strukturierung großer Dokumentenmengen, bei Datenanalysen, bei Transkriptionen und Übersetzungen oder beim Vergleich unterschiedlicher Quellen.
Redaktionen setzen KI ein. Die Frage ist, sie KI delegieren und welche Verantwortung beim Menschen bleiben muss. Für mich liegt die Grenze dort, wo aus Informationsverarbeitung journalistische Verantwortung wird.
Vielleicht sollten wir anders auf KI im Journalismus blicken
„Wird KI Journalisten ersetzen?“ ist eine verständliche Frage. Nach Besser Online 2026 finde ich es wichtiger anders zu fragen. Was muss Journalismus leisten, damit Menschen ihn in einer Welt voller KI-Antworten weiterhin brauchen?
Wir müssen Texte nicht schneller produzieren als eine Maschine. Diesen Wettbewerb verlieren wir. Journalismus muss anbieten, was sich aus bestehenden Informationen nicht synthetisieren lässt, also Recherche, neue Erkenntnisse, Nähe zu Menschen und Ereignissen, überprüfbare Quellen, Verantwortung und Vertrauen.
Darin liegt die eigentliche Chance. Je einfacher es wird, Antworten zu erzeugen, desto wertvoller wird jemand, der die richtigen Fragen stellt und bereit ist, für die Antworten Verantwortung zu übernehmen.
Prof. Michael Schwertel spricht und berät zu Künstlicher Intelligenz in Medien, Kommunikation und Organisationen. Themen wie dieses bringt er als Keynote oder Workshop in Redaktionen, Medienhäuser und Unternehmen. Kontakt und Vortragsthemen



