Zwischen Kindertrickfilm und investigativer Jugenddoku entscheidet sich, wie wir die nächste Generation medial ernst nehmen.
Auch 2026 durfte ich wieder Teil der Jury Kinder & Jugend des Grimme-Preis sein. Und erneut wurde deutlich: Kinder- und Jugendprogramme sind kein Nebenformat. Sie sind das Innovationslabor unseres Mediensystems.
Die ganze Spannbreite gesellschaftlicher Wirklichkeit
Die Spannbreite der nominierten Produktionen war beeindruckend. Sie reichte von hochwertigen Animations- und Wissensformaten über fiktionale Stoffe mit generationsübergreifender Relevanz bis hin zu dokumentarischen und investigativen Jugendformaten, die gesellschaftliche Realitäten unmittelbar adressieren.
Hinzu kamen Gaming-orientierte Konzepte, Magazine mit klarer Haltung sowie Specials, die durch Moderation, Schauspiel oder kontinuierliche Themenarbeit herausragten.
Was diese Vielfalt verbindet, ist nicht nur Kreativität. Es ist Haltung.
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Mut zur Perspektive
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Ernsthaftigkeit im Umgang mit jungen Zielgruppen
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Die Bereitschaft, Komplexität nicht zu glätten
Gerade im Kinder- und Jugendbereich zeigt sich, wie sehr sich das Erzählen verändert. Hier werden neue Formen ausprobiert, hybride Ausspielwege getestet, Plattformlogiken reflektiert. Was hier funktioniert, prägt morgen das gesamte System.
Juryarbeit als Qualitätsdiskurs
Unsere Jurysitzung war ungewöhnlich harmonisch und zugleich analytisch präzise. Unterschiedliche Hintergründe und Expertisen wurden nicht gegeneinander gestellt, sondern produktiv genutzt. Genau so entsteht eine differenzierte Auseinandersetzung mit Qualität: im Diskurs, nicht im Schlagabtausch.
Mein Dank gilt allen Jurymitgliedern und insbesondere der Jury-Vorsitzenden Sandra Das für die kluge und souveräne Leitung.
Das Grimme-Institut schafft dafür Jahr für Jahr einen professionellen und wertschätzenden Rahmen. Qualität braucht Struktur und Zeit zur Urteilsbildung.
Das Bergfest: Öffentlicher Resonanzraum
Ein besonderer Moment der Jurywoche ist traditionell das Bergfest: Halbzeit und zugleich öffentlicher Resonanzraum.
Den Nominierten direkt gegenüberzustehen, Fragen stellen zu können, Produktionsentscheidungen zu hinterfragen und kreative Prozesse besser zu verstehen, verleiht der Juryarbeit eine zusätzliche Tiefe. Es macht einen Unterschied, ob man nur ein Werk bewertet oder die Menschen dahinter erlebt, die mit Überzeugung, Zweifel, Recherche und Leidenschaft daran gearbeitet haben.
In ihrer Ansprache betonte Çiğdem Uzunoğlu einen zentralen Grundsatz des Preises:
„An der Unabhängigkeit unserer Jurys und Kommissionen führt kein Weg vorbei. Sie sind das Herz des Grimme-Preises.“
Im Gespräch mit Annika Schneider diskutierte Torsten Zarges zudem die Grenzziehung zwischen Aktivismus und Journalismus und damit eine Frage, die weit über einzelne Auszeichnungen hinausweist. Glaubwürdigkeit entsteht nicht durch Lautstärke, sondern durch transparente Maßstäbe.
Dass solche Debatten öffentlich geführt werden, ist kein Nebenschauplatz. Es ist Ausdruck lebendiger Medienkultur.
Qualität im Zeitalter von KI und Algorithmen
Wir erleben eine Medienrealität, in der Algorithmen Aufmerksamkeit vorsortieren und KI Inhalte mitproduziert. Distribution, Sichtbarkeit und sogar kreative Prozesse verändern sich rasant.
Gerade deshalb gewinnt unabhängige, menschliche Urteilsbildung an strategischer Bedeutung.
Kinder- und Jugendprogramme sind dabei ein besonders sensibler Bereich. Hier geht es nicht nur um Marktanteile oder Reichweite. Es geht um Werte, Perspektiven und die Frage, welche Geschichten wir jungen Menschen zutrauen.
Qualität entsteht nicht im Algorithmus.
Sondern im Diskurs.
Die Bekanntgabe der Preisträger steht noch bevor. Bis dahin bleibt die Spannung und die Gewissheit, dass hier nicht nur Programme ausgezeichnet werden, sondern Maßstäbe gesetzt werden.
Hier die Nominierungen: https://www.grimme-preis.de/62-grimme-preis-2026/nominierungen



